| Die Abenteuer des kleinen Piepvogels: Frühlingsgeschichte drucken |
| Es war einmal ein kleiner Piepvogel, der flog
gerade über den Wald. Unter ihm hoppelte der kleine Hase. Es war
ein sonniger Tag im April und die beiden Freunde wollten einen Ausflug
zur Waldwiese unternehmen, um aus den ersten Blumen, die den Waldboden
durchbrochen hatten, einen Frühlingsblumenstrauß zu pflücken.
Der kleine Hase hatte gerade eine besonders schöne Blume in den
Pfoten, da rief der kleine Piepvogel: "He! Aufwachen! Nun mach schon endlich die Augen auf!" Müde rieb sich der kleine Hase mit seinen Pfötchen die Augen. Er war doch eben noch mit seinem Freund auf der Waldwiese gewesen, nun stand dieser völlig zerzaust und aufgeregt mit den Flügeln flatternd vor ihm in seinem Hasenbau. "Was ist denn los kleiner Piepvogel?" fragte der kleine Hase erstaunt "Warum weckst du mich? Ich hatte gerade von einer so schönen Blume geträumt!" Aber der kleine Piepvogel schien gar kein Interesse am Traum des Hasen zu haben. Er war so aufgeregt, dass er nur stockend hervorbrachte: "Mein Baum, mein Baum, mein Baum wird gefällt!" Nun war auch der kleine Hase hellwach. Das konnte doch nicht sein. Wer sollte denn den Baum fällen, in dessen Ästen sich das Nest des kleinen Piepvogels befand? Jeder wusste, dass der kleine Piepvogel dort wohnte. Jeder? Seit Tagen schon liefen im Wald ungewöhnliche Besucher umher: Menschen, die mit Farbe bunte Zeichen auf einige Bäume pinselten. Die Tiere im Wald wunderten sich zunächst darüber, doch waren sie von den Menschen schon einiges gewohnt und schenkten ihnen sehr bald keine Beachtung mehr. Der kleine Piepvogel erklärte jedoch, dass er beobachtet hatte, dass bis jetzt alle die Bäume, die ein grünes Kreuz am Stamm hatten, heute morgen gefällt worden waren, - und sein Bäum hatte auch ein grünes Kreuz! "Im Moment sind die Menschen und ihre Maschinen noch mit den Bäumen am Waldrand beschäftigt, aber es wird bestimmt nicht lange dauern, bis sie auch meinen Baum erreichen. Wir müssen uns deswegen beeilen" sagte der kleine Piepvogel. "Was willst du denn unternehmen?" fragt der kleine Hase ängstlich seinen Freund "Gegen die Menschen und ihre lauten Maschinen haben wir doch gar keine Chance, sie werden uns einfach übersehen, egal was wir machen." Aber der kleine Piepvogel hatte einen Plan. Auch er wusste, dass die Menschen die Angewohntheit hatten, laut zu sein und im allgemeinen wenig Rücksicht auf die Bewohner des Waldes zu nehmen, aber er kannte auch ihre Schwäche, sich gerne als Schützer einiger Tiere zu sehen und alles zu unternehmen, um diesen Waldbewohnern ein angenehmes leben zu verschaffen. "Ich brauche deswegen deine Hilfe und die deiner ganzen Hasenfamilie!" sagte der kleine Piepvogel. Er hatte auf dem Weg zum kleinen Hasen schon anderen Tieren Bescheid gesagt, sie sollten sich alle so schnell wie möglich unter oder auf dem Baum des kleinen Piepvogels versammeln. Jetzt machten sich auch der kleine Hase mit seinem Freund auf den Weg zu dessen Nest. Die Nachricht, der Baum des kleinen Piepvogels sei in Gefahr hatte sich in Windeseile im Wald verbreitet. Alle Tiere kannten den kleinen Piepvogel und mochten ihn sehr, denn er hatte vielen von ihnen schon einmal geholfen. Nun waren sie um den Baum mit dem grünen Kreuz versammelt und warteten gespannt darauf, wie der Plan des kleinen Piepvogels zur Rettung des Baumes aussehen sollte. Der kleine Piepvogel setzte sich auf den untersten Ast seines Baumes, damit möglichst alle Tiere ihn verstehen konnten und erklärte: "Jeder von euch sucht sich mit seiner Familie einen Platz in unmittelbarer Nähe dieses Baumes, um sich dort ein Haus zu bauen. Die Menschen werden wohl kaum einen Baum fällen wollen, der so dicht bevölkert ist!" Begeistert fingen die Tiere an zu buddeln, zu graben und zu picken. Am Fuße des Baumes entstand in kurzer Zeit ein Kaninchenbau, der so groß war, dass alle Familienmitglieder darin Platz hatten. Auch war bekannt, dass die Ameisen im Verhältnis zu ihrer Größe viel tragen konnten, aber heute übertrafen sie sich selbst und ihr Hügel unter dem Baum des Piepvogels wuchs und wuchs. Drei Spechte bearbeiteten die Rinde des Baumes an der Stelle, wo das grüne Kreuz zu sehen war! Und alle Tiere gaben ihr bestes um aus dem Baum die größte Wohnsiedlung des Waldes zu schaffen. Sie waren mitten in ihre Arbeit versunken, als auch schon die ersten Menschen zu hören waren. Schnell flüchteten einige der Tiere ängstlich in ihre Höhlen, andere, wie auch der kleine Piepvogel, blieben keck im Baum sitzen und beobachteten gespannt die sich nähernden Eindringlinge. Als die Menschen den Baum erreicht hatten, trauten sie ihren Augen kaum. Verblüfft blieben sie stehen. Der Baum den sie fällen wollten, glich einem kleinen Tierpark. Es schien ihnen, als wenn sich alle Tierarten in der Umgebung diese Baumes niedergelassen hätten. Verwundert liefen sie um den Baum herum. Es gab keinen Zweifel, es war der Baum den sie fällen sollten, wenn auch die grüne Markierung kaum noch zu erkennen war. "Habt ihr so etwas schon mal gesehen?" fragte einer der Menschen erstaunt. "Ein Kaninchenbau direkt neben einem Fuchsbau! Das ist doch nicht möglich." "Und die vielen großen Nester, so viele verschiedene Vögel in einem Baum!" bewunderte ein anderer. "Unsere Kollegen, die bestimmt haben diesen Baum zu fällen, müssen gestern blind gewesen sein, als sie das Kreuz angebracht haben." "Wir können diesen Baum unmöglich fällen! Das würde zu vielen Tieren ihren Lebensraum rauben!" erklärte der vierte und die anderen stimmten ihm zu, dieser Baum sei etwas besonderes und müsse stehen bleiben. Kaum hatten sie dies ausgesprochen, da fing ein kleiner Piepvogel im Baum laut an zu singen. "Es scheint fast als könnte er uns verstehen" sagte einer der Menschen lächelnd und lief hinter seinen Kollegen her, die schon auf dem Weg zum nächsten Baum waren, einem, wie der kleine Piepvogel fand, der ihm schon lange die Sicht in den Himmel versperrt hatte. Die Bewohner des Waldes feierten jedenfalls noch den ganzen Abend lang ihren Erfolg und der kleine Piepvogel war so glücklich und erleichtert, dass er jedem persönlich für seine Hilfe dankte - na ja vielleicht nicht jeder einzelnen Ameise. Gemeinsam hatten sie es geschafft den Baum des kleinen Piepvogels zu retten und was die Menschen so verwundert hatte, dass selbst die Kaninchen mit dem Fuchs zusammengearbeitet haben, war für die Tiere in einem solchen Fall selbstverständlich gewesen. Als es spät wurde, machten sie sich alle auf den Weg in ihre alten Behausungen. "Ich bin so froh, dass mein Baum noch steht!" sagte der kleine Piepvogel zu seinem Freund dem kleinen Hasen und sie umarmten sich ganz fest: der kleine Piepvogel legte die Flügel über seinen Freund und dieser drückte mit seinen Pfötchen gegen den Rücken des anderen. Dann machte sich auch der kleine Hase auf den Nachhauseweg. Der kleine Piepvogel flog glücklich in sein Nest. Er hatte bei der ganzen Aufregung gar nicht gemerkt, wie müde er geworden war. Er kuschelte sich in seine Federn und schlief auch gleich ein. © 2003 C. Sommer |
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